Literally Peace – der Name klingt nach lebendigen Buchstaben und Frieden. Was haben zu Papier gebrachte Wörter und die Sehnsucht nach friedlichen Begegnungen miteinander zu tun? Und was heißt das ganz konkret für das Projekt, das diesen Namen trägt?
Es heißt nicht umsonst, dass die Feder mächtiger ist als das Schwert. Und das bedeutet für uns: Wir schreiben für den Frieden. Wir schreiben, weil es für uns alle immer der beste Weg war, um uns auszudrücken, um gegen die Hilflosigkeit anzukämpfen, die uns jedes Mal überkommt, wenn wir von Krieg und Leid hören. Es ist quasi Therapie, aber natürlich auch Kommunikationsmedium. Es hilft uns, anderen einen Eindruck davon zu geben, wie wir Dinge wahrnehmen. Für unsere syrischen Autor*innen heißt das ganz konkret: Sie können ihre eigene subjektive Sichtweise von dem Leben in Syrien, auf der Flucht und nach der Flucht präsentieren, fernab von Medienberichten und Vorurteilen. Und wir können darauf reagieren und es mit einem breiten Publikum teilen. So entsteht ein Dialog und darum geht es ja. Um das Miteinander, um den Austausch, um das gemeinsame Schaffen.
Oft ist es ja so: Durch eine Begegnung, ein Erlebnis oder eine Situation entsteht eine Idee. Die Idee nimmt Gestalt an, wächst, entwickelt sich durch Erfahrungen weiter, verändert sich…Wie war das bei Literally Peace? Wie fing es an, wo steht ihr heute miteinander und in welche Richtung könnte es vielleicht weitergehen?
Diese Geschichte kann ich mittlerweile im Schlaf (sie ist fester Bestandteil fast jeder Veranstaltung): Ich lernte im Herbst 2016 im Rahmen des Schreibwettbewerbs „A Sea of Words“ einen jungen Syrer kennen, der zu dem Zeitpunkt noch in Syrien lebte. Er war ganz anders als mein Bild von in Syrien lebenden Menschen. Er erzählte mir von alten Kriegsruinen, die als wunderbare Partylocation dienten. Von der Uni, von seiner Freundin. Der Krieg spielte in seinem Alltag nur eine untergeordnete Rolle. Er war da, damit musste man umgehen, aber man machte das Beste daraus. An manchen Tagen unterschied sich sein Leben nicht sehr von meinem. Natürlich war er sehr privilegiert. Es gibt mit Sicherheit Menschen in Syrien, für die ein solcher Umgang mit dem Thema nicht möglich ist. Die in ständiger Todesangst leben, die hungern und um ihre Angehörigen trauern.
Es gibt viele Geschichten. Und wir möchten so viele wie möglich erzählen
Aber das ist ja der Punkt: Es gibt viele Geschichten. Und wir möchten so viele wie möglich erzählen. Und so startete Literally Peace. Mit einem Blog, auf dem die ersten Geschichten erzählt wurden. Dann kamen Lesungen dazu und mittlerweile haben wir neben unseren Autor*innen auch Musiker*innen, Übersetzer*innen, Künstler*innen, Filmemacher*innen, usw. Wir planen gerade eine Wanderausstellung, haben eine Förderung für einen Kurzfilm bekommen, möchten einen arabisch-deutschen Schreibwettbewerb crowdfunden und werden im Juni dann auch endlich ein Verein. Wir sind stolz auf das, was wir nach zwei Jahren erreicht haben, aber in vielerlei Hinsicht fühlt es sich an, als würden wir gerade erst anfangen. Denn nachdem wir lange einfach nur gemacht haben, lernen wir nun Schritt für Schritt Struktur in unsere Arbeit zu bringen – das ist unsere aktuellste Herausforderung.
Wie viele Menschen sind bei euch derzeit aktiv? Was macht die Vielfalt in eurem Projekt aus? Und wie kann man von euren Aktivitäten erfahren?
Wir sind April 2017 mit zehn jungen (Hobby-)Autor*innen gestartet – fünf auf der syrischen Seite, fünf auf der deutschen. Mittlerweile sind wir etwa 35 Engagierte mit unterschiedlichen Fähigkeiten, Talenten und Interessen. Das macht uns vielfältig. Natürlich fällt auch auf, dass unsere Autor*innen vielfältige kulturelle Hintergründe haben, aber das geschah eher nebenbei. Dadurch, dass meine Netzwerke bunt gemischt sind und wahrscheinlich auch, weil das Thema Menschen anzieht, die sich selbst schon mal mit den Begriffen Heimat und Migration auseinandergesetzt haben. Wir posten unsere Texte auf unserem Blog, den man auf unserer Homepage findet. Dort findet man auch alle möglichen Infos über uns, natürlich auch, wann und wo unsere nächsten Veranstaltungen stattfinden. Eher unmittelbare Infos und Aktivitäten finden sich auf unseren Profilen auf Instagram und Facebook.
Kannst du uns vielleicht mit einem kurzen Text – zum Beispiel mit einem Gedicht – exemplarisch einen ganz kleinen Eindruck vermitteln von den Gedanken, die in euer Projekt eingebracht werden. Vielleicht lässt sich auch ein bisschen was über die Entstehungsgeschichte des Textes erzählen?
Spontan habe ich diesen Text hier rausgesucht:
„Diese Szene kommt mir bekannt vor.
Jemand geht fort.
Es klingt, als würde sich der Lärm der Stadt entfernen, als wäre ich in einem isolierten Wald oder auf dem Gipfel eines Berges, den einer der Propheten als Zufluchtsort gewählt hat, um Gott zu begegnen.
Ich sitze auf meinem kleinen eingebildeten Gipfel. Ich zähle all die Schritte, die uns voneinander trennen. Die Schritte werden mehr. Sie sind nun Meter. Tausende Meter. Tausende Kilometer.
Ich sehe, dass du kleiner wirst, zusammen mit dem letzten Horizont, der uns je vereinen wird.
Ich folge den Bewegungen der Wolken. Es sieht nicht so aus, als würde es bald regnen. Schade eigentlich. Ich bräuchte diese Art von Banalität, um mein Kunstwerk zu vervollständigen.“
Liebe in Zeiten von Krieg und Frieden
Dies ist ein Ausschnitt aus dem Text „Die ganze Zeit“ von Aya Alnamly. Sie lebt in Damaskus und hat eben ihr Studium der Architektur beendet. Dieser Text entstand für unsere Lesung mit dem Namen „Liebe in Zeiten von Krieg und Frieden“. Der Text ist in Tagebuchform geschrieben. Eine junge Frau wundert sich, dass es so einfach ist, in einem Moment sein zerbombtes Haus vor sich zu sehen und Todesangst zu empfinden und im nächsten auf Wolke 7 zu schweben. Und im wieder nächsten Moment todunglücklich zu sein. Nicht wegen des Krieges, sondern weil dieser eine besondere Mensch geht. Ich finde, dieser Text ist ein schönes Beispiel dessen, was wir zeigen wollen. Dass selbst junge Syrer*innen manchmal überrascht sind, wie vermeintlich banal ihre Gedanken und Gefühle sind, wie normal, während sie unter absolut extremen Umständen leben.
Hier ist der Text komplett auf Englisch und Arabisch nachzulesen:
Viele von euch leben im Raum Stuttgart. Dort finden viele Lesungen von euch statt. Aber ihr stellt eure Werke auch im Internet vor. Wenn jemand bei euch mitmachen möchte – geht das auch, wenn man z.B. In Norddeutschland wohnt? Und was wäre dafür wichtig zu wissen?
Unser Sitz ist Stuttgart, wir haben aber mittlerweile Autor*innen in ganz Deutschland – in Berlin, in der Nähe von Hamburg, in Frankfurt, usw. Texte für unseren Blog beizutragen, kann man aus jeder Stadt. Wer gern bei unseren Lesungen dabei sein möchte, kann das auch. Wir haben glücklicherweise eine kleine Förderung, die uns erlaubt, Fahrtkosten zu übernehmen. Außerdem freuen wir uns immer, wenn wir in neuen Städten lesen dürfen.
Ansonsten suchen wir einfach junge Menschen, die Spaß an der Begegnung haben. Ob sie schreiben, malen, Musik machen oder einfach nur gern Veranstaltungen organisieren – wir freuen uns über jeden und jede, der oder die ein Teil von Literally Peace werden möchte!
Erzählst du uns zum Schluss noch ein bisschen was über dich?
Ich habe in Heidelberg Ethnologie und Englische Literatur studiert und in Schwäbisch Gmünd Interkulturalität und Integration. Seit 2014 arbeite ich hauptberuflich in der Jugendarbeit, stets mit kulturell diversen jungen Menschen. Ich schreibe, seit ich denken kann, und meine Kurzgeschichten und Gedichte wurden bereits in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.
Ich danke sehr herzlich für die interessanten Einblicke in euer Projekt!