Susanne: „Fröhliche Weihnacht überall“ – so beginnt ein Weihnachtslied, was man schon seit Tagen an vielen Orten hört. Weihnacht – wirklich überall? Wie geht es dir mit Weihnachten, Hussam? Hat das Fest für dich eine Bedeutung? Erst jetzt hier in Deutschland oder auch schon in Syrien?
Hussam: Weihnachten bedeutet für mich vor allem: Zeit mit der Familie. In Syrien habe ich das nicht wie hier gefeiert. Aber auch dort ist es ein Feiertag, der für viele Familien-Zeit bedeutet. Da wird zusammen gegessen und zusammen Fernsehen geguckt. In Deutschland habe ich das zuerst auch nicht richtig gefeiert – bis ich meine Liebste kennenlernte. Seitdem lade auch ich zu Weihnachten an meinen Tisch ein. Und ich erlebe es ebenso als gemeinsame Zeit: mit Kirche, gemeinsamem Essen, mit Baum und vielen Geschenken. So bleibt für mich die familiäre Bedeutung von Weihnachten wichtig.
„Schenken soll mit Freude geschehen“
Interessant finde ich den im Deutschen gebräuchlichen Begriff Bescherung. Ich habe nachgeschlagen: Er kommt vom mittelhochdeutschen Wort „beschern“. Das bedeutet „verhängen“ oder „zuteilen“. Das Wort wird auch ironisch verwendet. Bei unangenehmen Überraschungen sagt man manchmal: So eine (schöne) Bescherung! Ich mag die Geschenke bei der Bescherung. Ich gebe und ich nehme mit Freude.
Aber in der Innenstadt sehe ich an einem Samstag im Dezember viele Leute, die Stress haben. Viele kaufen Geschenke, die sie kaufen sollen, aber vielleicht gar nicht kaufen möchten. Hier hat sich die Bedeutung vom Schenken verändert. Dabei geht das Schenken als Brauch am Weihnachtsabend wohl auf Martin Luther zurück. Bis dahin war es nur der Heilige Nikolaus, der den Kindern am 6. Dezember die Nikolausgeschenke brachte.
Susanne: Richtig, jedenfalls vermutet man, dass dem Reformator die Heiligenverehrung zum Nikolaus ein Dorn im Auge war. Daher wohl die Verlegung des Schenkens aufs Weihnachtsfest.
Gern würde ich mich mit dir noch weiter über die religiöse Bedeutung des Festes austauschen. Denn vor ein paar Wochen erzählte mir eine Erzieherin in einem städtischen Kindergarten, der von Kindern aus verschiedenen Ländern und Religionen besucht wird: „Die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel ist bei uns kein Thema. Das passt für uns nicht. Viele Kinder bei uns kommen ja nicht aus christlichen Familien.“
Was meinst du dazu, Hussam? Siehst du das auch so? Oder gibt es für dich persönlich etwas in der Geschichte von der Geburt Jesu, was dich anspricht und berührt – vielleicht auch, was dir fremd ist oder einfach nichts bedeutet?
Hussam: Leider habe ich die Bibel bis jetzt nicht gelesen. Aber die Geschichte von Jesu Geburt, die kenne ich gut. Wir haben ja im Islam fast die gleiche Geschichte über diese heilige Geburt. Und zu Maria, die im Arabischen Maryam heißt, gibt es eine Sure, die ich besonders liebe. Sure, das ist der Begriff für die Kapitel des Korans, der heiligen Schrift des Islams. Diese Sure also erzählt die Geschichte von Maria und Jesus. Da heißt es in deutscher Übersetzung so:
(16)Und gedenke im Buch Maryams, als sie sich von ihren Angehörigen an einen östlichen Ort zurückzog
(17)Sie nahm sich einen Vorhang vor ihnen. Da sandten Wir Unseren Geist zu ihr. Er stellte sich ihr als wohlgestaltetes menschliches Wesen dar.
Maria ist ein Symbol für die Mutter und für die Frauen – hier nicht als Menschen, sondern als Idee, die für alle Menschen wichtig ist. Ohne Maria gibt es keinen Jesus. Diesen Teil der Geschichte sollten wir nicht vergessen.
Susanne: Da sprichst du etwas Wichtiges an. Es gibt viele Ähnlichkeiten und einige Unterschiede zwischen der Geburtsgeschichte in der Bibel und im Koran. Und was die Maria betrifft, wie sie in der Bibel beschrieben wird: Da finde ich besonders ihren Lobgesang faszinierend (Lukas 1, 46-55). Das ist ein starkes Befreiungslied, in dem vieles aus den älteren Befreiungsliedern der hebräischen Bibel anklingt. Darin ist also zugleich die jüdische Tradition lebendig.
Maria singt es in der Zeit ihrer Schwangerschaft. Ihr wird bewusst, dass die Unterdrückung ein Ende haben wird und eine Zeit der Gerechtigkeit beginnen soll. Und sie selbst erfährt dabei Ermutigung und Anerkennung, weil sie in einer aktiven Rolle ganz elementar mit dieser Hoffnung verbunden ist. Darin erlebt sie ihre Würde als Frau. Ist Weihnachten für dich auch mit einer Hoffnung verbunden?
Hussam: Ja, die Geschichte von Weihnachten bedeutet für mich selbst Hoffnung. Sie ist sowas wie eine Erneuerung für meinen Glauben. Dabei ähneln sich die Geschichten von Mohammed und Jesus. Gott oder Allah – das ist für mich derselbe, der alles gut macht.
„Ein Kind kann die Welt verändern“
An Jesus und Mohammed wird für mich deutlich: Ein Kind kann die Welt verändern. Da denke ich auch an die Kinder, die jetzt auf die Straße gehen und demonstrieren für den Schutz der Umwelt. Jesus ist gekommen, um Liebe und Frieden zu verbreiten. Und seine Geburt bestärkt uns darin, den Frieden auf der Welt zu schützen.
„Frieden zwischen allen Menschen, egal woher sie kommen“
Susanne: Frieden – da gibst du wieder ein wichtiges Stichwort, Hussam. Als Christin denke ich da zu Weihnachten auch an Franz von Assisi. Das war einer, der zu Weihnachten das Bild der Krippe als Ort der Liebe und der Lebendigkeit inmitten der Schöpfung besonders wichtig fand und das im Krippenspiel erfahrbar werden ließ.
Für unser Gespräch ist das deshalb interessant, weil für diesen Franz von Assisi auch die Begegnung und der Dialog mit Andersgläubigen von großer Bedeutung war. Berichtet wird von einer Begegnung im September 1219 zwischen ihm, dem kleinen Mann aus Assisi, und dem Sultan Muhammad al-Kâmil, dem Oberherrscher der islamischen Welt. Die heute noch stattfindenden Friedensgebete der Weltreligionen in Assisi knüpfen an diese Erfahrung an.
Wenn es für Franz von Assisi also wichtig war, die Weihnachtsgeschichte mit Krippe, Tieren und Menschen als etwas ganz Natürliches und Lebendiges am liebsten draußen in der Natur zu erzählen und ganz sinnlich zu erleben, dann wollte er damit vermutlich auch eine Geschichte über Frieden und gegenseitigen Respekt erzählen. Die Realität heute sieht leider anders aus.
Was meinst du, Hussam: Kann man heute überhaupt noch von einem Frieden in den Religionen sprechen?
Hussam: Leider haben die Menschen die Religionen gegeneinander benutzt. Sie sagen, dass die eine Gruppe besser sei als alle anderen, weil sie an eine bestimmte Religion glauben. Hinter der Geschichte von Jesu Geburt steht für mich auf jeden Fall Frieden zwischen Menschen und Tieren, zwischen reichen und armen Menschen, zwischen Menschen, die verschieden glauben.
Die Menschheit hat sich so entwickelt, dass viele nur noch an das Materielle glauben, an das, was sie sehen. Ihre Bilder sind Fotos, aber die symbolische Bedeutung von Bildern haben sie mit der Zeit vergessen.
„Die Menschen sollten in Balance leben“
Die Religion braucht unser Nachdenken und unsere Vorstellungskraft, nicht das Gewöhnliche. Wir entscheiden uns oft für das Gewohnte, weil wir uns keine Zeit zum Nachdenken lassen. Einerseits nutzen wir die alten Bilder, um uns an die Geschichte zu erinnern. Andererseits aber trauen wir nur dem Materiellen. Dann vergessen wir die Geschichte wieder und bleiben ganz auf der Seite der Materie. Die Menschen sollten in Balance leben. Nicht zu viel und nicht zu wenig auf der einen oder anderen Seite.
Susanne: Mich interessiert noch eine letzte Frage zur Weihnachtsgeschichte, Hussam. Am Ende müssen Maria und Josef mit dem Kind nach Ägypten fliehen. In der Bibel wird erzählt: Drei Sterndeuter aus dem Morgenland folgen einem rätselhaften Stern und treffen dabei auf den listigen König Herodes. Der will den prophezeiten neugeborenen König töten lassen. Aber als die Weisen das Kind in der Krippe sehen, beschließen sie, seinen Aufenthaltsort vor Herodes geheim zu halten und retten so das Leben von Jesus. Die Familie schafft es, der Verfolgung zu entkommen.
Auch hier wird nicht eine historisch sicher belegte Geschichte erzählt, sondern eine Geschichte von Solidarität, Rettung und Aufbruch. Die Jesus-Geschichten in der Bibel sind ja selten glatt und einfach. Gefahren, Hindernisse und Bedrohungen gibt es immer wieder. Ganz menschlich. Entscheidend bei all diesen Geschichten ist vielleicht, warum es immer wieder wichtig ist, mutige Entscheidungen zu treffen. Warum es wichtig ist, anderen dabei zu helfen, dem Unrecht zu entkommen und andere Wege zu wagen.
So jedenfalls lässt sich die Geschichte im Sinne der christlichen Ethik deuten. Aber vermutlich nicht nur nach der christlichen Ethik?
Gibt es im Koran auch solche Geschichten von Flucht und Hilfe, Gefahr und Bewahrung? Wie wäre deine Deutung dazu? Und siehst du darin eine Verbindung, vielleicht eine Hilfe oder Hoffnung für Fluchtgeschichten heute?
Hussam: Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich einen Artikel für das Harburger Blatt geschrieben, den man im Flüchtling-Magazin noch nachlesen kann – mit dem Titel: Jesus war auch Flüchtling.
Danach ist mir aufgefallen, dass Mohammed und Mose auch Geflüchtete waren. Sie sind vor dem Hass geflüchtet – für Liebe und Respekt. Fluchtgeschichten bedeuten immer: einen neuen Anfang machen, eine neue Kultur entdecken. Sie sind eine Suche nach dem, was uns zusammenbringt.
„Die Beziehung der Menschen ist geschwisterlich“
Auf jeden Fall lehrt der Islam auch, dass wir Armen und Geflüchteten helfen sollen, weil die Beziehung der Menschen untereinander geschwisterlich ist. Die Geschichte der Wanderung von Mohammed und seinen Freunden (arabisch: Hidschra) von Mekka nach Medina hat großen Einfluss auf unsere Überzeugung, dass wir Geflüchteten helfen sollen. Diese Geschichte hat eine große Wirkung gezeigt im Umgang der Syrer mit Geflüchteten aus dem Irak 2003 und aus dem Libanon 2006 und aus Somalia oder dem Sudan oder Afghanistan. Aber leider haben die politischen und traditionellen Entscheidungen oder Gründe oft eine noch größere Wirkung als die religiösen Gründe. Deswegen haben die Palästinenser, die in Syrien leben, ein Problem in der syrischen Gesellschaft.
Zum Schluss möchte ich nochmal sagen: Als gläubiger Mensch sehe ich, dass aus allen Religionen eine Hoffnung auf Frieden unter den Menschen kommt. Und ich wünsche der Menschheit eine Frohe Weihnachten.