Die poetische Ich-Erzählung, aufgeschrieben von Margriet Ruurs, lässt uns teilhaben an den Erfahrungen eines Kindes mit seiner Familie auf der Flucht aus der Heimat. Die Worte – deutsch und arabisch – führen entlang an Bildszenen, die der syrische Bildhauer Nizar Ali Badr in Lattakia/Syrien auf dem Dach seines Hauses aus gesammelten Steinen gelegt hat. Die Bilder existieren dabei nur für das Foto, um anschließend etwas Neues entstehen zu lassen.
Er selbst erläutert dazu:
„Wenn ich eine Steinskulptur erschaffe, weiß ich mit Sicherheit, dass nichts da ist, was sie zusammenhält. Zweifellos wird sie mit der Zeit zerstört werden, genau wie die buddhistischen Sand-Mandalas. Aus diesem Grund wohnt meiner Arbeit ein flüchtiger Charakter inne, der mich lehrt, sich von der Bindung an materielle Gegenstände zu lösen und die zeitliche Natur aller Dinge im Leben zu verstehen. „
Im Unfixierten die Kraft der Verwandlung entdecken

Das Unfixierte, immer wieder dem Wandel ausgesetzt, das Warmherzige und Zärtliche in der Schwere des Materials findet in der dazu beschriebenen Fluchterfahrung seine Entsprechung: Ohne festgelegt zu sein auf ein Land, eine Zeit, eine Fluchtroute, geht es um eine Familie, die den Frieden und die Freiheit verloren hat und aus Angst und Not aufbricht, um anderswo neu Hoffnung zu schöpfen. Bedrückendes und Grausames wird in der Geschichte – wie in den Bildern – angedeutet, aber nicht ausgemalt. Der lange Weg endet glücklich.
Für das „Flüchtling-Magazin“ habe ich gefragt und recherchiert: Was bewegt den Künstler Nizar Ali Badr dazu, mit Steinen zu erzählen? In einem Interview, in englischer und arabischer Sprache veröffentlicht im syrischen Künstler-Journal „Creative Havens“, gibt Nizar Ali Badr aus Lattakia/Syrien Auskunft zum Entstehungsprozess und zum Anliegen seiner Kunst. Dabei ist es wichtig, beim Werkstoff – den Steinen – anzufangen.
„Ich lernte, den Ruf und den Schrei der Steine zu hören“

Er erzählt dazu: „Etwa 60 Kilometer von der Stadt Lattakia entfernt befindet sich ein heiliger Ort, der die Quelle der künstlerischen Inspirationen für mich ist: Mount Zaphon, auch bekannt als Djebel Al Aqra. Dort, am Fuße des Zaphon, sammelte ich tausende wunderschöner Kieselsteine, die gesegnet sind mit einer erstaunlichen Variation von Farbe und Formen. Die transportierte sie an meinen Arbeitsplatz, um zehntausende Skulpturen zu schaffen. Mount Zaphon ist in ugaritischen Texten bekannt als die Wohnung des Baals, des Berggottes, des Sturms und des Regens, der von alten syrischen Kulturen verehrt wird.“
Die schöpferische Arbeit mit Steinen, bei der er sich dem Elementaren in der Welt intensiv verbunden fühlt, begleitet den Künstler seit seiner Kindheit. Er erzählt: „Mit meinen Händen zu arbeiten und zu gestalten war eine lebenslange Leidenschaft. Als ich ein Kind war, sammelte ich kleine Steine in der Nähe von Bächen oder an der Küste und schnitzte Gesichter und Tiere aus ihnen. Mit dem Heranwachsen wuchs auch ein Traum in mir: mein Traum, die Herzen der Menschen zu erreichen und eine Botschaft zu übermitteln. So entwickelte sich meine Leidenschaft für Steinskulpturen und ich lernte den Ruf und den Schrei der Steine zu hören.“
Auch den leisen Stimmen der unterdrückten Menschen Kraft geben

Den „Ruf der Steine“ – das ist ein Motiv, das sich in vielen Kulturen, Religionen und Überlieferungen findet. Steine schreien, wo Menschen unterdrückt werden, wo ihnen das unaussprechliche Leid vielleicht die Sprache verschlägt. Und im Rufen der Steine bekommen auch die leisen Stimmen der Menschen eine neue Kraft. Nizar Ali Badr erinnert sich: „Die Steine schrien so laut, dass so vieles darin mitklang: die Schreie der Bedürftigen, der Unterdrückten und der Flüchtenden. Es ist ein Schrei gegen Ungerechtigkeit, Ermordung und Unterdrückung. Geschaffen aus den Steinen des Bergs Zaphon, sind meine Arbeiten und meine Kreationen in dieser Welt beispiellos. Sie brachten einen Schrei hervor: den Schrei der Steine, der das Ende des Massakers fordert.“
Ruf nach Frieden und Menschlichkeit
Und er verbindet mit seinen Bildern eine tiefe Hoffnung: „Durch meine Kreationen kann man das Schreien der Steine wie ein verzweifeltes Flehen hören: Hört auf, Menschen zu töten! Hört auf zu zerstören! Lasst eure Menschlichkeit nicht verloren gehen! „
(Quelle der Zitate aus dem Interview: , deutsche Übersetzung: Susanne Brandt)
Zurück zu seinem Buch „Ramas Flucht“: Das glückliche Ende seiner Geschichte ist Ausdruck dieser Sehnsucht nach einem Ende von Unrecht und Krieg. Und vielleicht eine Einladung, sich mit der elementaren Kraft der Steine überall auf der Welt sinnlich, kreativ oder spielerisch vertraut zu machen – um dabei die Kraft des Lebens zu erfahren!
Ein Film gibt Einblick in sein Schaffen:

Das Buch ist im Gerstenberg Verlag erschienen und in jeder Buchhandlung erhältlich:
Margriet Ruurs / Nizar Ali Badr:
Ramas Flucht
Deutsch-arabische Ausgabe
48 Seiten, 18,5 x 24 cm, ab 5 Jahren
gebunden
ISBN 978-3-8369-5973-5
EUR (D) 12.95 | EUR (A) 13.40 | SFr 16.90
3 Antworten
Hallo,
warum lassen Sie Nizar Ali Badr eigentlich so hochleben?? Er ist ein Claqueur des Assad-Regimes.
Mit einem anderen“Bild“ Bild feiert er den Jahrestag der Armee von Bashar al-Assad.
Seine Aussagen sind reine Heuchelei!!
Gruß
M.Fries
Auch ich bin skeptisch geworden, seit ich sah, dass Nizar Ali Badr sich mit seinen bis dahin zweifellos bewegenden Steinbildern bei einer arabischen Talent-Show ala DSDS präsentierte. Seitdem sehen viele Araber in ihm einen Heuchler.
R.D.
Danke für den Hinweis. Als Autorin des damaligen Beitrags denke ich: Der Beitrag dokumentiert auf der Basis der angegebenen Quelle aus der Zeit 2016/2017 die Aussagen des Künstlers, der zu dem Buch von Margriet Ruurs die Illustrationen geliefert hat. Möglicherweise gibt es aktuell andere Quellen, die im Widerspruch zu seinen damaligen Aussagen stehen. Als diejenige, die 2017 zum Entstehungshintergund des Buches recherchiert hat, kann ich das nach heutigem Wissensstand weder ausschließen noch belegen (auch, weil mir dazu arabische Sprachkenntnisse fehlen). So bleibt dieser Beitrag vorerst ein Spiegel der öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung seiner Kunst in der Zeit 2016/2017 bei aller Begrenztheit der damals international zugänglichen Darstellungen. Die Einschätzungen seiner damaligen Aussagen können sich im Licht anderer Quellen aus neuerer Zeit mögcherweise verändern. Anlass des damaligen Beitrags war das Buch von Margriet Ruurs. Wenn es mir gelingt, Kontakt zur Autorin aufzunehmen oder mich mit anderen Akteuren in Deutschland auszutauschen, die sich seinerzeit für das Buch stark gemacht haben, ergibt sich möglicherweise mehr Transparenz im dieser Frage.