Man hat sich bislang nicht gekannt und man wird sich vielleicht nie wiedersehen, aber für eine kurze Zeitspanne entsteht spontan eine herzliche, eine vertrauensvolle und einfühlsame Solidarität, um ein Stück des Weges miteinander zu teilen. So habe ich es bei jener Bahnfahrt im Winter mit einem freundlichen und hilfsbereiten Syrer erlebt. Die folgende Geschichte erzählt davon:
Mit dem Zug ins Irgendwo
Der Regionalzug zwischen Hamburg und Neumünster ist überfüllt. Es riecht nach feuchten Wintermänteln. Im Gang habe ich noch einen Stehplatz gefunden. Hier in dieser Enge lässt sich keine Zeitung aufschlagen. Aber aus dem Fenster schauen, das geht. Ab und zu huschen die Lichter einer kleinen Siedlung vorbei. Dazwischen legt sich ein weiter Abendhimmel über die flache Landschaft. Ein bisschen kenne ich mich aus, bin die Strecke auch am Tage schon häufiger gefahren. Aber ich gehöre nicht zu den Berufspendlern, bin eine Durchreisende ohne sichere Orientierung – im festen Vertrauen darauf, dass der Zug auch im Dunkeln wie geplant seinen Zielbahnhof finden wird.
Die Bremsen quietschen. Der schmale Bahnsteig deutet auf einen kleinen Haltepunkt hin. Ich habe es nicht eilig. Deshalb werde ich auch nicht gleich ungeduldig, als der Zug ungewöhnlich lange stehen bleibt. Ein Mann neben mir drückt die Stirn gegen das Fenster, um zu sehen, was los ist. Mir gegenüber murmelt eine Frau: „Geht es heute nochmal weiter…?“
Das Knacken im Lautsprecher kündigt eine Durchsage an: „Die Weiterfahrt unseres Zuges wird sich noch für einige Zeit verzögern. Grund dafür ist …“ Keine fünf Minuten später wird uns freundlich, aber bestimmt mitgeteilt, dass die Fahrt auf dieser Strecke nicht fortgesetzt werden kann. Wir werden gebeten, auszusteigen und auf den angeforderten Ersatzbus zu warten, der uns zum nächsten Bahnhof bringen soll. Das Murren in den Sitzplatzreihen mischt sich mit dem Rumpeln von hastig zusammengepackten Reiseutensilien. Einige drängeln sich unsanft zur Tür, befürchten wohl, dass der angekündigte Bus bereits wartet und vielleicht nicht alle aufnehmen kann. Aber draußen erwartet uns nur feuchtkalte Winterluft, ein kleines Wäldchen, wenige Häuser, der Kiosk hat schon geschlossen.
Anschlussverbindung Menschlichkeit
Fast in allen Händen blitzen die Handys auf. Nach kurzer Zeit rollen die ersten Autos vor, in denen einzelne Reisende verschwinden. Und noch immer kein Ersatzbus in Sicht. Ich weiß, dass mein Anschlusszug nach Flensburg nun nicht mehr zu erreichen ist. Aber es werden auch später noch Züge in den Norden fahren. Also warte ich ab und verbringe die unverhoffte Zäsur am fremden Ort damit, Menschen zu betrachten, mich vertraut zu machen mit dieser zufällig beieinander stehenden Gemeinschaft der Wartenden. Ich studiere ihre Gesichter, versuche ihre Gesten und Bewegungen zu deuten, stelle mir vor, was ihnen jetzt alles durch den Kopf geht.
Einer fällt mir besonders auf: Nicht weit von mir steht ein dunkelhaariger Mann mittleren Alters, nicht sehr groß, wartend wie wir alle, aber gut gelaunt dabei. Er spricht mit Akzent, sucht freundlich Kontakt zu den Umstehenden, weiß der Situation eine gewisse Komik abzugewinnen. Auch mit mir kommt er nach kurzer Zeit ins Gespräch. Gemeinsam fangen wir an zu überlegen, wie es von hier aus nach Flensburg weitergehen könnte, wenn der Bus tatsächlich nicht kommen sollte.
Ich staune über seine weitreichenden Orts- und Streckenkenntnisse. Sogar die wichtigsten Bus- und Bahnfahrpläne scheint er im Kopf zu haben. Er kommt auf die Idee, dass ich mit dem Taxi die Haltestelle eines Linienbusses erreichen könnte. Mit diesem Bus, so rechnet er mir vor, schaffe ich den letzten Zug nach Flensburg auf jeden Fall. Er selbst würde auf diesem Weg ebenfalls schneller als mit dem Ersatzbus nach Hause kommen. Und sicher wird es gelingen, unter den Wartenden noch ein paar Mitreisende in Richtung Norden zu finden, die sich die Taxikosten dann teilen könnten.
Mit munterem Organisationstalent hat er die kleine Reisegruppe schnell zusammengetrommelt, das Taxi gerufen und mit seinem detaillierten Fahrplanwissen auch die anderen zu ihren individuellen Weiterreisemöglichkeiten beraten. Tatsächlich erreichen wir die beschriebene Bushaltestelle nach kurzer Taxifahrt, wo uns bald darauf ein Linienbus Richtung Norden mitnimmt.
Ein Reisender mit Erfahrung
Bei der Busfahrt sitzen wir uns gegenüber. Jetzt unterhalten wir uns nicht mehr über das Weiterkommen in Schleswig-Holstein. Jetzt erzählt er mir von einer anderen Reise: Aus Syrien ist es vor einigen Jahren auf abenteuerlichen Wegen nach Deutschland gekommen. Auch seine Geschwister sind geflohen und leben seither verstreut in verschiedenen Teilen der Welt. An ein Wiedersehen als Familie ist nicht mehr zu denken. In Syrien hatte er studiert. Jetzt kommt er mit Saisonarbeiten im Straßenbau oder als Gärtnergehilfe einigermaßen über die Runden.
Und es gibt eine neue Familie: Vor kurzem hat er geheiratet und bald erwarten sie ihr erstes Kind. Das Leben in der Stadt mussten sie nach kurzer Zeit gegen das Landleben eintauschen. In abgelegenen Dörfern sind die Mieten günstiger. Um die wechselnden Arbeitsorte von dort aus ohne Auto zu erreichen, macht er sich jeden Morgen ganz früh auf den Weg. Die Pläne der Busse und Bahnen lernt man schnell auswendig, wenn es darauf ankommt, immer pünktlich zu sein. Man wird erfinderisch, wenn ein Verkehrsmittel ausfällt und schnell eine Lösung gefunden werden muss. Und man lernt, sich immer wieder neu einzustellen auf die oft schwierigen Herausforderungen des Alltags.
Freundschaft des Moments
Über die Arbeit kommen wir auf Fragen des Miteinanders zu sprechen, sparen auch die Religionen nicht aus, denken gemeinsam über eine Haltung der gegenseitigen Achtung und des Respektes nach, beschreiben einander, was uns Freundschaft bedeutet – und haben für kurze Zeit das Gefühl, selbst Freunde zu sein, auch wenn wir uns gerade erst vor einer Stunde begegnet sind.
Schade, denke ich, als ich merke, dass der Bus bereits den Bahnhof erreicht hat, wo sich unsere Wege trennen werden. Seine Weiterreise geht in eine andere Richtung. Aber er besteht darauf, mich in der Dunkelheit bis zum Bahnsteig zu begleiten, um sich zu vergewissern, ob mein Zug auch wirklich fährt und mich vor Einbruch der Nacht noch nach Hause bringt. Sonst bliebe immer noch die Lösung mit einem Nachtquartier. Seine Frau, so schwärmt er, kocht einfach wunderbar und selbst in der kleinsten Wohnung ist immer Platz für einen Gast. Auch das habe er in Syrien gelernt, als sie sich noch mit einer großen Familie ein enges Haus teilen mussten und in Frieden lebten – vor dem Krieg.
Wir schauen gemeinsam auf die Anzeigetafel am Bahnsteig. Der Zug nach Flensburg soll in wenigen Minuten kommen. Er wartet, bis ich eingestiegen bin, winkt mir fröhlich hinterher. Dann dreht er sich mit einem kleinen Hüpfer um und eilt zur Treppe, wohl wissend, wann seine Heimreise vom anderen Gleis weitergeht.
Bis nach Flensburg brauche ich von hier aus noch etwa 70 Minuten. Ich könnte lesen, habe wie immer eine Zeitung und ein spannendes Buch dabei. Aber ich lasse beides in der Tasche. Langsam lässt der Zug die Lichter des Bahnhofs hinter sich, nimmt Fahrt auf und saust mit einem leisen Surren durch die einsame Landschaft. Um diese Zeit ist der Großraumwagen nur noch dünn besetzt. Manche Fahrgäste schlafen schon, andere tanzen mit flinken Fingern über die Tastatur ihrer Handys oder Netbooks.
Heitere Herzlichkeit im Ungewissen
Meine Augen und Gedanken finden Ruhe in der Dunkelheit hinter den Fenstern. Mir geht unser Busgespräch nicht aus dem Sinn: Da hat mir ein bis dahin völlig fremder Mensch für eine kurze Zeitspanne Einblick gegeben in sein Leben, hat mich teilhaben lassen an dem, was ihm kostbar ist und was ihm Zuversicht gibt für eine so fröhliche Hoffnung und Gelassenheit. Auch über Freundschaft und Vertrauen haben wir einander etwas mitgeteilt – mit Worten und mit Schweigen.
Ich muss an die anderen Wartenden denken, die ich an diesem Abend erlebt habe, die Nervösen und Schimpfenden, die Aufgeregten und Besorgten, die Ratlosen und Unentschiedenen bei der Frage, wie es weitergehen könnte. Und ich denke natürlich über mich selbst nach, über meinen oft so kleinen Mut und über mein oft so großes Misstrauen. Auf eigentümliche Weise, so spüre ich, hat mir der Fremde an diesem Abend mit seiner wärmenden Freundlichkeit eine Sicherheit geschenkt, wie ich sie zwischen den anderen Menschen an diesem Abend niemals hätte finden können. Er hat mich ahnen lassen, wie das gehen kann: sich im Unvorhersehbaren zu Hause fühlen. Mut und Vertrauen gehören dazu, einfache Gesten der Achtung und Anteilnahme, Nähe und Verbundenheit. Und manchmal auch eine unterbrochene Bahnfahrt – denn die Zeit, die sich dadurch überraschend weitet, bietet Raum gerade für jene Begegnungen, die nicht auf dem gewohnten Fahrplan des Alltags stehen.