Der in Ruanda lebende Schweizer, Roman Meyer, kommt als Landvermesser sehr viel in Afrika herum und hat einen sehr interessanten Artikel für das Flüchtling Magazin geschrieben: Kann eine einheitliche Sprache dazu führen, dass die Kommunikation die Menschen weltweit besser wird? Wird es demnächst immer weniger Sprachen geben?
Eine Fasnacht in der Schweiz
„Es beginnt mit der Fasnacht in der Schweiz: Vor einiger Zeit schrieb mir ein Freund und aktiver Fasnächtler, dass er am eidgenössischen Tambouren- und Pfeiferfest teilnehmen werde. Aus allen Regionen des Landes kämen diese zusammen, es gebe Musikwettbewerbe und geselliges Beisammensein. Leider, merkte er mit etwas Wehmut an, spielten heute alle irgendwie ähnlich. Früher habe es noch regelrechte Trommeldialekte gegeben, und auch bei den Pfeifern habe man an der Art, wie gespielt wurde, auf die Herkunft der Person schliessen können.
Die Geschichte erinnerte mich stark an eine Konversation, die ich vor Jahren mit meinem inzwischen verstorbenen Freund Elvis in Daressalaam hatte. Beim dritten Glas Wein fragte ich, welche Sprache er denn daheim mit seiner Frau und den Kindern spreche. Englisch und Suaheli, war die Antwort. Tansania ist ein grosses Land, und so wollte ich wissen, ob er denn neben den beiden offiziellen Sprachen nicht eine andere, lokale Sprache spreche, von da wo er herkommt. Doch meinte er, aber für die Kinder wären Englisch und Suaheli wichtiger.
Wie Sprachen die Kommunikation beeinflussen
Von den 6500 aktiv gesprochenen Sprachen weltweit dürften in den nächsten hundert Jahren 50-90% verschwinden. Zudem werden die häufigsten 50 Sprachen bereits heute von 80% der Menschheit als Muttersprache gesprochen. Weitere 10% können sich ihn ihnen als Zweitsprache ausdrücken. Es lässt sich nicht bestreiten, dass hier sehr viel verloren geht: Wissen, Geschichte, Identität. Das darf man mit gutem Recht bedauern.
Allerdings ist das nur die eine Lesart. Sprachen breiten sich aus und zerfallen dann in untereinander verwandte Sprachen und Dialekte. Sprachforscher messen den Verwandtschaftsgrad und eruieren, welche Sprachen welche andere beeinflusst oder verdrängt haben, und welche Worte noch aus einer früheren Sprache stammen. Was mir vor einigen Jahren höchstens ein Gähnen entlockt hätte, finde ich inzwischen enorm spannend. So wissen wir heute, dass sich vor ca. 5000 Jahren die Bantu von einer Region an der heutigen Grenze Kamerun-Nigeria über den ganzen östlichen und südlichen Kontinent ausbreiteten. Und dies, weil jemand analysiert hat, welche Worte in den heutigen Bantusprachen wie ähnlich klingen, und welche völlig verschieden sind! Dass dieses Ur-Bantu über die Zeit und Distanz in verschiedene Sprachen zerfiel, ist nur logisch.
Wie die Kommunikation sich im Laufe der Zeit verändert
Und das bringt mich eben zur anderen Lesart. Viele der heutigen Sprachen gibt es nur, weil die Distanzen zu gross wurden und sich die Sprecher der Ur-Sprache nicht mehr regelmässig austauschen konnten. Wenn diese nun verschwinden, dann doch nur deshalb, weil die Distanzen heute leichter überwunden werden können. Nicht nur Menschen kommen dank Autos, Zügen und Flugzeugen weiter herum, auch gesprochene und geschriebene Sprache vernetzt durch Bücher, Radio, Fernsehen, Telefon und Internet die entlegensten Winkel miteinander. Insofern ist das Verschwinden von Sprachen auch eine Normalisierung. Klar, wir werden in Zukunft nicht wieder Ur-Indogermanisch sprechen. Aber dass Sprachen verschwinden kann nur bedeuten, dass wir eben je länger je weniger abgeschieden in unseren Tälern leben, die Äcker bestellen und nur mit den Leuten in 10km Umkreis in regelmässigem Kontakt sind. Wenn sich die Welt globalisiert, Waren und Informationen mit Leichtigkeit um den Erdball gelangen, so ist eine sprachliche Angleichung ein unvermeidlicher Nebeneffekt.
Die Zukunft der Kommunikation
Es gibt aber noch weitere Aspekte, warum ich den künftigen Einheitsbrei nicht mehr so negativ sehe. Erstens glaube ich, dass es auch in Zukunft regionale und lokale Eigenheiten geben wird. Und zweitens vermisst man nicht, was man nie kannte. Elvis’ Kinder werden die Sprachen, die sie nie gesprochen haben, in ihrem Alltag nicht fehlen. Von seinen Enkeln ganz zu schweigen.
Klar, nur weil es in Zukunft weniger Sprachen geben wird, müssen sich die Leute nicht zwangsläufig besser verstehen. Wer sowieso nur sein eigenes Weltbild gelten lässt und sich nicht auf sein Gegenüber einlassen mag, dem bringen grössere kommunikative Möglichkeiten keinen Vorteil. Trotzdem. Ich bin überzeugt, dass wir eine gewisse Monotonisierung von Sprachen und Trommeldialekten nicht nur bedauern, sondern auch begrüssen dürfen. Sowohl als auch. Gleichzeitig. Das weiss übrigens auch mein trommelnder Freund, den ich mitnichten zu den Kulturpessimisten zählen würde“.