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Freundschaft – ein Dialog. Folge 1

Was ist Freundschaft? Wann ist jemand ein Freund für dich?

Ein wichtiger Bestandteil von Freundschaft ist für mich das gegenseitige Vertrauen. Vertrauen, dass der andere mich meint, mich sieht, mich an manchen (Schwach-)Stellen (schmerzhaft) erkennt, mir Schönes wie Kritisches sagen kann. Ich weiß, dass er es ernst meint, aber nicht um mich klein zu machen, sondern um mich wachsen zu sehen. Und dies natürlich gegenseitig.

Freundschaft, ist eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die sich miteinander gut verstehen, die einander brauchen um mit einer/einem Freund an der Seite den richtigen Weg im Leben zu gehen.

Freundschaft bedeutet, dass du deinen Freund gut verstehst. Verständnis ist ganz wichtig, aber das kommt, wie du geschrieben hast, mit der Zeit. Wir brauchen Zeit, nicht für Vertrauen, sondern um uns zu verstehen.

Ja, Verständnis ist die Vorstufe für Vertrauen. Ohne Verständnis füreinander gibt es kein Vertrauen miteinander. Oder?

Wir finden uns erst mit anderen Menschen. Wir lernen uns nur mit anderen Menschen gut kennen. Unsere Freunde ermöglichen es uns, uns selbst zu finden und zu verstehen.

Manchmal haben wir Freunde, die das Gegenteil von uns sind und das ist toll, weil wir uns vervollständigen. Und manchmal haben wir Freunde, die sind wie wir und können uns ein Spiegel sein, durch den wir uns sehen können.

Ja, das stimmt. Beides gibt es und ist wunderbar. Gibt es für Dich einen Unterschied, ob wir über einen Freund oder eine Freundin sprechen?

Ich glaube, dass es nicht viele Unterschiede gibt, aber manchmal ist es komisch, weil du nicht genau weißt, ob die Beziehung nur als Freundschaft gesehen wird oder mehr und hier muss man sich ganz sicher sein mit welcher Art von Beziehung man selbst gehen möchte.

Diese Schwierigkeit kenne ich auch. Beziehungen zwischen Menschen machen uns sehr stark, aber auch sehr schwach und verletzlich. Das heißt, wenn ich zugebe, dass ich mehr Gefühl als nur Freundschaft habe für den anderen, dann habe ich Angst vor Zurückweisung.

In deinem Kulturkreis sind, soweit ich weiß, Freundschaften zwischen Mann und Frau eher selten (oder unmöglich)?

Bei uns gibt es auch Kontakt zwischen Männer und Frauen aber nicht viel, mehr als Kollegen in der Schule, Uni oder auch bei der Arbeit. Ich bin unsicher, ob die Beziehung Freundschaft war oder nur Kollegen. In Syrien habe ich nicht viel erlebt. Denn unsere Kollegen machen nach der Schule oder nach der Uni andere Sachen und danach habe ich keinen Kontakt mehr mit ihnen gehabt. Deswegen glaube ich, dass das nur Kollegen waren, nicht mehr.

Wenn es Freundschaften zwischen Mann und Frau gibt, können sie überhaupt gelebt werden? Wie erlebst du das jetzt für dich hier in Europa/Deutschland? Du hast viele Kontakte gewonnen, vielleicht sogar mehr deutsche Frauen als deutsche Männer (?). War es leicht für dich, damit umzugehen?

Das ist auch ein bisschen komisch, weil viele meiner Freunde  über Facebook kommen und an unterschiedlichen Orten in Deutschland wohnen. Wir haben uns bis jetzt nicht getroffen, aber wir möchten Freundschaft schließen und wir versuchen, das zu schaffen. Andere Freundinnen gibt es, die mich unterstützt haben. Hier kann ich auch nicht sagen, dass wir Freundschaft schließen, sondern es ist wie eine Beziehung zwischen Mutter und ihren Kindern. Dann gibt es auch andere Freundinnen, die sich mit mir getroffen haben und wir haben über unterschiedliche Thema diskutiert und wir haben Spaß mit unseren Diskussionen. Dann würde ich sagen, dass es Freundschaft ist. Vielleicht ist es bei mir so, dass Freundschaft mit Diskutieren entsteht, aber auch mit Spaß oder der Freude an der Diskussion, obwohl es verschiedene Ansichten gibt. Es macht Spaß, andere Meinungen zu hören.

Wie ist das mit dem Vertrauen zwischen den Menschen?

Vertrauen ist ganz toll und natürlich ist es das, was wir immer brauchen. Aber meine Frage ist: Warum haben wir für andere Menschen kein Vertrauen? Warum können wir anderen Menschen nicht vertrauen?

Leider haben wir für andere Menschen kein Vertrauen, weil wir Vorurteile haben, weil wir glauben, dass nur wenige gute Menschen auf der Welt leben und leider das Bild von den Menschen, die schlechtes gemacht haben, in unserer Erinnerung, in unserer Wahrnehmung, in unserer Vorstellung bleibt. Obwohl es im Verhältnis nur wenige sind auf der Welt, aber ihre Stimmen sind ganz laut und die Stimmen der anderen Menschen sind ganz leise.

Warum ist das so?

Weil wir die schlechten Beispiel mit Angst betrachten und unsere Angst uns unterdrückt. Wir erinnern uns mehr an die schlechten Dinge, weil die Angst unser Erleben  bestimmt und wir glauben, dass es mehr Schlechtes als Gutes gibt. Die schönen Dinge passieren seltener. Oder das damit verbundene Gefühl ist nicht so stark, wie die Angst und bleibt daher nicht so lange in Erinnerung.

Warum hören wir mehr die schlechten Stimmen und weniger die guten?

Weil die Menschen, die Schlechtes gemacht haben, ihre Stimme gegen andere Menschen erheben. Die Menschen, die Gutes gemacht haben, glauben, dass sie nicht schreien müssen und erheben ihre Stimme nicht gegen die anderen Menschen. So ist da nur eine laute Stimme und wir hören dieser Stimme zu, aber mit Angst.

Ist es wirklich nur die Lautstärke der Stimme? Warum gibt es keine Zeitung mit positiven Nachrichten, was alles gutes passiert in der Welt?

Es ist die Aufgabe der Medien, wie ich das verstehe.  Die Medien berichten über das was in der Gesellschaft passiert ist. Manchmal sind die Menschen, die Schlechtes machen, die die mehr machen als andere Menschen.

Aber, sofern ich Dich richtig verstehe, stimmt das doch nicht. Jeden Tag passiert soviel Gutes, mehr als Schlechtes.

Ja, das ist genau das, was das Flüchtling-Magazin versucht zu machen: über Gutes zu berichten. Aber das ist nicht einfach. Zum Beispiel: Die deutschen Ehrenamtlichen, die viel gemacht haben und die Integration geschafft haben, sind stolz auf die deutsche Willkommenskultur. Ich glaube, dass sie viel mehr sind als die Menschen, die gegen Ausländer sind, aber wir haben als Menschen alles vergessen und wir gucken und hören was die Menschen, die gegen Ausländer sind, machen. Wir glauben, dass die deutsche Willkommenskultur nicht mehr vorhanden ist.

(Für die Lesbarkeit des Dialogs verwenden wir nur die Bezeichnung “Freund”, meinen aber natürlich auch “Freundin”)

Freundschaft – ein Dialog. Folge 2
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Hussam studierte in Damaskus Politikwissenschaften mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen. Parallel dazu arbeitete er als schreibender Journalist. Seit 2015 lebt er in Deutschland. Er ist Gründer und Chefredakteur von kohero. „Das Magazin nicht nur mein Traum ist, sondern es macht mich aus. Wir sind eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen.“

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